12.11.09

Schnell gelebt

Es war einmal eine Schnecke, die schneckte im Schneckentempo ihres Weges wie sie das ihr ganzes Leben lang gemacht hatte. Doch irgendwann - quasi plötzlich - war ihr ein riesiges Hindernis im Weg. Klar sie hätte es aus der Ferne sehen können, aber es war Nacht und so sah sie es nicht und schneckte einfach immer weiter drauf zu. Doch jetzt dämmerte es langsam in der Ferne und die Schnecke sah im Zwielicht direkt vor sich einen wahnsinnig großen Berg. Es war ein Iglu-Zelt.

"Verdammt!", dachte die Schnecke, "Wenn ich da jetzt drum herum schnecken würde, dann bräuchte ich den halben Tag dafür. Ich glaube ich schnecke einfach drüber weg." Und das tat die Schnecke dann auch, obwohl es nicht wirklich gerade viel kürzer war als drum herum zu schnecken. Aber Schnecken habe sehr kleine Gehirne, weshalb sie das gar nicht bemerkte.

Das Schwierigste war der Aufstieg. Doch irgendwie schaffte die Schnecke es. Als sie ganz oben angekommen war beschloss sie eine kurze Pause zu machen, Luft zu schnappen und die Aussicht zu genießen. Und so kam es, dass die Schnecke einen wunderschönen Sonnenaufgang sah. Der Himmel leuchtete in allen Farben von Gold bis Violett und weil sie von der Schönheit dieses Ereignisses so überwältigt war rann ihr eine kleine Träne über das Gesicht.

Doch die Schnecke musste weiter. Und so begann sie mit dem Abstieg an der Vorderseite des Iglu-Zeltes, denn es war die Hinterseite, die sie hinaufgeschneckt war. Auf etwa halber Höhe passierte etwas womit die Schnecke nicht gerechnet hatte. Ganz plötzlich öffnete sich der Reißverschluss des Zeltes und ein Mensch kroch daraus hervor. Dabei fingen die Zeltwände an zu wackeln und die Schnecke konnte keinen Halt mehr finden, stürzte ab und landete mitten auf dem Kopf des jungen Mannes, der da gerade hervorgekrochen kam. Dieser hatte so dichtes, lockiges Haar, daß er die Schnecke auf seinem Kopf gar nicht bemerkte.

Weil sie nicht herunterfallen wollte hielt die Schnecke sich gut fest als der Mensch plötzlich anfing zu gehen. Wohin er wollte das wußte die Schnecke nicht. Es interessierte sie aber auch nur nebensächlich, denn viel mehr war sie fasziniert von der wahnsinnigen Geschwindigkeit mit der sich dieser Mensch bewegte. "Meine Güte!", dachte die Schnecke, "Das müssen mindestens sechs km/h sein! Hoffentlich läuft er nicht irgendwo gegen bei dem Tempo!"

Der Mensch sah die Sache natürlich anders. Er war müde und hungrig und schlurfte eigentlich er langsam zu seinem Auto um sich Brötchen zu holen. Als er sich reinsetzte und den Wagen startete erlebte die Schnecke auf seinem Kopf die nächste Überraschung. "Huiiiii!", sagte sie. "Wer hätte gedacht, dass man so schnell unterwegs sein kann?" Dabei fuhr der Mensch gerade mal die erlaubte innerörtliche Geschwindigkeit.

Irgendwann kam der Mensch am Bahnhof an, wo er in der Bahnhofsbäckerei ein paar Brötchen kaufte. Dabei bemerkte die schöne Bäckerin etwas auf seinem Kopf und fragte: "Was haben sie denn da?" Der Mann ertastete in seinem Haar etwas Schleimiges, machte erschrocken einen kurzen Affentanz und warf die Schnecke angeekelt zum Fenster hinaus. "Wheeeeeee!", sagte die Schnecke. Denn der Flug kam ihr noch schneller vor als die Autofahrt.

Wie durch ein Wunder überlebte die Schnecke sogar den Sturz. Sie prallte hier und da von etwas ab und kullerte ein wenig hin und ein wenig her. Doch sie war sehr weich weil sie eine Schnecke war und blieb deshalb unverletzt und ohne Knochenbrüche. Als sie da so lag, da musste sie erstmal tief durchatmen und das Erlebte verarbeiten, als sich plötzlich der Boden unter ihr bewegte.

Nein, Moment, das war gar kein Boden auf dem sie da lag - die Schnecke lag auf einem Dach - auf dem Dach eines Schnellzuges! Und der fuhr gerade los! "Was ist denn das jetzt?", dachte die Schnecke noch als der Zug immer schneller und schneller wurde und sie durchs ganze Land trug.

Es war nicht einfach sich bei dem starken Fahrtwind auf dem Dach festzuhaltenschleimen, aber irgendwie schaffte die Schnecke es und erlebte was nur wenige Schnecken zuvor erlebt hatten. Die Welt zog an ihr vorbei und sie sah Flüsse, Berge, Täler, Felder, Städte und Wälder. Nur im Tunnel, da sah sie nichts. Und wenn sie nach vorne sah kam es ihr vor als wenn die Welt zu Streifen wurde. "Hurra! Ich bin die schnellste Schnecke der Welt!", rief sie in den Wind.

Irgendwann hielt der Zug an und die Schnecke war völlig euphorisch vom Rausch der erlebten Geschwindigkeit. "Wenn ich jetzt sterben müsste", dachte sie, "so wäre ich trotzdem glücklich. Ich habe schnell gelebt und heute an einem Tag mehr gesehen als so manch andere Schnecke in ihrem ganzen Leben. Mein Leben war gut. Ich kann mich nicht beklagen."

Beklagen konnte sie sich wirklich nicht, denn quasi sofort kam ein großer schwarzer Vogel angeflogen und fraß die Schnecke auf.

Kommentare:

geschichtenerzähler hat gesagt…

Das ist typisch bei den Schleimern der Welt. Immer höher, weiter, schneller werden wollen, bis der Gevatter Tod sie doch einholt.
Denn er ist mit Abstand der Schnellste!!

PropheT hat gesagt…

Ich habe auch oft massenhaft Schnecken in meinem riesigen Afro, ohne sie zu bemerken :/

Maak hat gesagt…

@geschichtenerzaehler: der schnellste tod der welt?

@prophet: salz auf den kopf streuen hilft!

Herr Schmidt hat gesagt…

Das war eine sehr, sehr schöne Geschichte, werter Herr Maak. Ich fahre die Schnecken, die ich abends in Kräutersauce zu mir nehme, auch immer erstmal ein wenig durch das Umland, damit sie zufrieden das Zeitliche segnen.

Lauffrau hat gesagt…

Carpe diem bzw. hora(m)...lassen wir das, da bin ich mit dem Latein am Ende...schön geschrieben!

Maak hat gesagt…

@herr schmidt: sie sind ja ein wahrer tierfreund! die von ihnen gegessen schnecken waren bestimmt die glücklichsten der welt.

@lauffrau: danke! :-)

PropheT hat gesagt…

Jetzt hab ich eine Salzkruste auf dem Kopf! Schönen Dank auch!

Rotzlöffel hat gesagt…

In Frankreich wär das mit dem Ableben aber schneller gegangen...

Rotzlöffel hat gesagt…

Übrigens. Bei nährerer Überlegung kannste das mit die Schnecken auch auf die Menschen übertragen. Besser hat so ne Schnecke mal eine geile Nacht und überlebt die nicht, als ewig langweilig daheim zu vegetieren, gell? *lach*